Dienstag, 24. Mai 2011

MEIN HERZ, MEIN HERZ IST TRAURIG


von Heinrich Heine

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;

Ich stehe, gelehnt an der Linde,

Hoch auf der alten Bastei.


Da drunten fließt der blaue

Stadtgraben in stiller Ruh;

Ein Knabe fährt im Kahne,

Und angelt und pfeift dazu.


Jenseits erheben sich freundlich,

In winziger, bunter Gestalt,

Lusthäuser, und Gärten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.


Die Mägde bleichen Wäsche,

Und springen im Gras herum
;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,

Ich höre sein fernes Gesumm.


Am alten grauen Turme

Ein Schilderhäuschen steht;

Ein rotgeröckter Bursche

Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,

Er präsentiert und schultert -

Ich wollt, er schösse mich tot.

Dienstag, 10. Mai 2011

WIE MAG DIE LIEBE DIR KOMMEN SEIN?

von
Rainer Maria Rilke


Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschein,
kam sie wie ein Beten? - Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele....

Dienstag, 12. April 2011

DER WASSERGREIS

von Karl Marx

Wasser rauscht so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt wohl! es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei's im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.

Doch in den Wellen, im Abgrund heiß,
Sitzt gar ein alternder Greis,
Tanzt auf, tanzt ab, wenn der Mond sich zeigt,
Wenn Sternlein aus Wolken steigt,
Springt gar seltsam und ringt gar sehr,
Will trinken das Bächlein leer.

Wellen sind ja die Mörder sein,
Zehren und nagen des Alten Gebein,
Grinzt ihm eisig durch Mark und Glied,
Wenn er die Wogen so springen sieht,
Schneid't gar ein bängliches Wehgesicht,
Bis Sonnenglanz Mondtanz verbricht.

Wasser rauscht dann so seltsam dort,
Kreist sich in Wellen fort,
Glaubt' wohl, es fühle nicht,
Wie sich die Woge bricht,
Kalt sei's im Herzen, kalt in dem Sinn,
Rausche nur, rausche nur hin.

Sonntag, 3. April 2011

DANN

von
Else Lasker-Schüler


... Dann kam die Nacht mit deinem TRaum
Im stillen Sternebrennen.
Und der tag zog lächelnd an mir vorbei
Und die wilden Rosen atmeten kaum.

Nun sehn ich mich nach Traumesmai,
Nach deinem Liebeoffenbaren.
Möchte an deinem Munde brennen
Eine Traumzeit von tausend Jahren





Quelle:
Else Lasker-Schüler (1997) Die Gedichte 1902 - 1943, herausgegeben von Friedhelm Kemp, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main (S. 86)

Dienstag, 29. März 2011

OUT OF THE ROLLING OCEAN, THE CROWD

by
Walt Whitman

Out if the rolling ocean, the crowd, came a drop gently to me,
Whispering, I love you, before long I die,
I habe travel'd a long way, merely to look on you, to touch you,
For I could not die till I once look'd on you,
For I feared, I might afterwards lose you.

Now we have met, we have look'ed, we are sage;
Return in peace to the ocean, my Love;
I too am part of that ocean, my love --- we are not so much separated;
Behold the great rondure --- the cohesion of all, how perfect!
But as f0r me, for you, the irresitible Sea is to separate us,
As for an hour, carrying us divers --- yet cannot carry us divers for ever;
Be not impatient --- a little space --- Know you, I salut the air,the ocean and the land,
Every day, at sundown, for your dear sake, my Love.



Bildquelle: www. whitmanarchive.org










Freitag, 25. März 2011

APOLDA


von
Ilka Lohmann

Unbesungene Stadt.
Die Straßen ---
zu grau für Lieder.
Zu still, als daß Worte hallen könnten
von einem Ende bis zum Anfang.
Und dazwischen
nur Trübsal
zu allen Seiten.

Doch auch Zwielicht kann singen,
wenngleich nur von Tränen.

Erhebt euch,
singet das Grau!
Singt es
hinaus aus den Schatten.

Singt,
daß es Licht werde
und strahlt,
wohin auch immer
euer Blick sich wendet.

Singt,
damit die Schwalben
nicht nur vorüber fliegen
sondern sich niederlassen
auf den Dächern
und Nester bauen
neben unseren Fenstern.

Singt,
daß es Tag werde,
endlich
nach all diesem Staub.




Quelle:
Ilka Lohmann (2006) DER SEELE PFLASTERSTEINE, UND-Verlag, Stadtroda (S. 156f.)

Sonntag, 20. März 2011

ZU VIEL

von
Eduard Mörike

Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte,
Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,
Die starre Welt zerfließt in Liebessegen,
Und schmiegt sich nun zum zärtlichsten Gedichte.

Im Dorfeshang, dort bei der luftgen Fichte
Ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen ---
O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,
Daß all der Wonnestreit in dir sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den süßen Zauber lösen,
Womit natur in meinem Innern wühlet!
Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!
Lisch aus, o Tag! Laß mich in Nacht genesen!
Indes ihr sanften Sterne göttlich kühlet,
Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.