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Samstag, 1. Oktober 2011

DES MENSCHEN SEELE UND DER TAUTROPFEN


von Wilhelm Müller

An des Lebens voller Blüte hängt des Menschen Seele fest,
Wie des Taues Perlentropfen in der Rose süßem Nest.
Aber wann er auf die Erde mit den welken Blättern sinkt,
Folgt er gern dem Strahl der Sonne, der ihn liebend in sich trinkt.

Freitag, 4. März 2011

DER NEUGIERIGE

von
Wilhelm Müller

Ich frage keine Blume,
ich frage keinen Stern,
sie können mir alle nicht sagen,
was ich erführ' so gern.

Ich bin ja auch kein Gärtner,
die Sterne stehn zu hoch;
mein Bächlein will ich fragen,
ob mich mein Herz belog.

O Bächlein meiner Liebe,
wie bist da heut' so stumm!
Will ja nur eines wissen,
ein Wörtchen um und um.

Ja! heißt das eine Wörtchen,
das andre heißet Nein,
die beiden Wörtchen schließen
die ganze Weit mir ein.

O Bächlein meiner Liebe,
was bist du wunderlich!
Will's ja nicht weiter sagen,
sag', Bächlein, liebt sie mich?




Donnerstag, 21. Januar 2010

FRÜHLINGSTRAUM

von
Wilhelm Müller
(Aus dem Zyklus "Die Winterreise")


Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai;
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.

Und als die Hähne krähten,
Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster,
Es schrien die Raben vom Dach.

Doch an den Fensterscheiben,
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?

Ich träumte von Lieb′ und Liebe,
Von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
Von Wonne und Seligkeit.

Und als die Hähne kräten,
Da ward mein Herze wach;
Nun sitz ich hier alleine
Und denke dem Traume nach.

Die Augen schließ′ ich wieder,
Noch schlägt das Herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt′ ich mein Liebchen im Arm?